Vom Winde verweht

Der Wind pustet mir um die Ohren und der Regen kommt von links. Hätte ich nicht so Hunger und wir nicht schon etwa 15.000 Schritte hinter uns, ich würde diesen Sturm geniessen können. Über den Boden, also unter dem Steg, auf dem wir gerade zum Strandcafé spazieren, fegt der Sand und paniert uns, dank des Regens von links. Ich fühle mich wie ein Schnitzel, das gerade in Ei gebadet wurde. Als ich später im Café Platz nehme, spüre ich das Knirschen zwischen den Zähnen und denke mit einem Schmunzeln: Willkommen im Norden.

Meine Mutter und ich verbringen hier im Wind ein Wochenende am Meer. Haben wir uns zu Weihnachten geschenkt. Etwas mehr als ein Jahr später haben wir es geschafft. Ich wollte Meer und Ruhe im Februar und habe es bekommen. Denn das Einzige was hier Lärm macht, ist der peitschende, pustende, wirbelnde Wind. Ein schöner Lärm, wie ich finde.

Und so gibt es hier oben vor allem eines, das keinen Sinn macht: offene Haare. Im Sommer gesellen sich sicher auch Röcke und Kleider dazu. Aber wir sind im Februar hier, da machen Kleider und Röcke sowieso keinen Sinn, auf die Idee würde man gar nicht kommen und deshalb bleibt das an der Stelle nur eine Randbemerkung. Aber offene Haare würde ich sonst auch im Februar tragen. Zumindest mittlerweile. So eineinhalb Jahre nachdem ich in den Süden gezogen bin, stellte ich mir nämlich tatsächlich mal die Frage, warum ich mein Leben lang so wenig Kleider und Röcke getragen habe und warum ich mir selbst die Haare flechten konnte, während meine Schweizer Freundinnen das nur selten beherrschen.

Mütze und Kapuze zeigen wie schön der Wind sein kann.

Bei meinem nächsten Hamburgbesuch wurde es mir dann wieder klar: Der Wind. Offene Haare flattern einem nämlich fröhlich ins Gesicht und sammeln so ihre Kletten, während luftige Röcke, wie eine Fahne waagerecht im Wind tanzen. Und seitdem ich das wieder weiss, bin ich bei meinen Besuchen im Norden natürlich vorbereitet: Zopfgummi, Mütze und Kapuze sorgen dafür, dass sich der Wind in seiner Beschreibung von nervig zu schön katapultiert und ich auch das Drumherum geniessen kann: Die Dünen, den vielen, vielen Sand und das Grau am Himmel.

Und ja, obwohl wir hier am Meer sind, sehen wir davon erstaunlich wenig. Denn zwischen Deich und Meer warten Dünen, endlose Strände, Rinnsalen aus Salzwasser und magische Lichtspiele, denen wir drei Tage lang unsere Aufmerksamkeit schenken. Wir spazieren durch den Sand, lassen uns nass regnen und bekommen dafür einen Regenbogen. Wir suchen im hellen Beige, das Rot-Weiss des Leuchtturms und beobachten die Möwen im Wind.

Und nach drei Tagen in den Dünen Norddeutschlands steige ich dann auch schon wieder in den Nachtzug Richtung Süden. In Richtung der Hügel, kurz bevor die Berge in die Höhe schiessen. Hier, wo ich - zumindest aktuell - jeden Winter Schnee sehen darf. Hier, wo die Sommer warm und vor allem die meiste Zeit windstill sind und hier, wo mein Zopfgummi die meiste Zeit einfach eine schöne Dekoration an meinem Handgelenk ist.

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Die Steinböcke von Pontresina