Die Steinböcke von Pontresina
Ich bin Stadtkind. Geboren wurde ich in einer Stadt, die bei meinem Wegzug, 1.8 Millionen Einwohner:innen zählte. Und Stadtkinder sind stolz darauf, welche zu sein. Also war ich es auch. Dabei wusste ich gar nicht, wie es war keines zu sein. Ich wusste nur, dass ich mir nichts anderes vorstellen konnte. Bis mich das Leben dazu brachte, in eine Schweizer Kleinstadt zu ziehen, das Leben dort kennen und über die Jahre sogar lieben zu lernen.
Und so finde ich mich sieben Jahre später auch mal auf einem Berg in Pontresina, fotografiere Steinböcke bei eisigen Temperaturen und kann mir ein Leben in der Grossstadt nicht mehr vorstellen. Denn ich weiss ja jetzt, wie es ist, nicht dort zu leben.
Morgens um sechs klingelt der Wecker, der Berg ruft und vor dem Fenster warten rund Minus 20 Grad auf uns. Letztes Jahr lernte ich Levi, der mich hier heute und auch morgen heil auf den Berg und wieder zurückbringen soll, beim IPFO, dem International Photo Festival Olten, kennen. Er hielt hier einen Vortrag, ich war ein Teil des Kommunikationsteams und zwischen den Veranstaltungen kamen wir ins Gespräch. Er ist Naturfotograf, ich bin neugierig und fragte ihn deshalb ganz unverfroren, ob ich mal mitkommen darf, in die Natur.
Eins mit der Natur: Wie viele Steinböcke siehst du?
Ich darf und so lautet die Mission im Januar 2024, rund fünf Monate später auf einmal: Steinböcke. Zwei Tage drehte sich hier alles darum, Steinböcke zu sehen. Dafür mussten wir sie natürlich erst finden. Und dafür braucht es Levi. Denn ehrlich gesagt: Ich muss das noch üben, das Finden. Am letzten Tag, schon auf dem Weg ins Tal, lautete meine Aufgabe deshalb schlicht: Noch ein Tier entdecken, bevor er es schon wieder gesichtet hat. Tatsächlich erreiche ich das Ziel kurz vor knapp.
Warum ich eigentlich mitgegangen bin? Zum einen bin ich neugierig und liebe es, Neues auszuprobieren. Zum anderen habe ich, in meiner Zeit in der Schweiz, die Natur lieben gelernt. Während ich früher durch Europa und von Hauptstadt zu Hauptstadt flog, bevorzuge ich nun die Zeit zwischen dem Wasser und den Bergen. Ich besitze ein eigenes Zelt, habe einen Trekking-Rucksack, einen Skihelm und auch die dazugehörige Brille. Ich trage bei einem Ausflug in den Wald mittlerweile, statt weisser Turnschuhe, lieber Wanderschuhe. So auch hier oben im Schnee. Dazu Schichten über Schichten, Mütze, Schal und Handschuhe.
Und vor allem: Liebe ich die Fotografie. Und ich finde es spannend, sie mit all ihren Facetten zu entdecken, dabei auch mal Berufskolleg:innen über die Schulter zu schauen. Denn auch ich arbeite täglich mit der Kamera, bin meistens auf Events inmitten zahlreicher Menschen oder im Studio unterwegs. Mein Umfeld zu wechseln und dabei meinen Horizont zu erweitern, das tut gut und kann nicht schaden.
Und so lerne ich in diesen zwei Tagen unglaublich viel. Denn in der Natur gelten andere Regeln. Hier hast du oft nur einen groben Plan. Ein Ziel ist hier eher ein Wunsch. Denn einen Steinbock zu finden, lässt sich nicht planen. Du kannst zwar alle Hebel in Bewegung setzen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, aber eine Garantie hast du nicht. Deshalb braucht es Geduld. Und Spontanität. Denn wenn das Tier plötzlich vor dir steht, hast du eine Aufgabe. Und du weisst nie wie lange sie dauert. Manchmal grast das Tier zwei Stunden in aller Gemütlichkeit und manchmal saust es binnen Minuten wieder in Richtung Wald.
Wenn es zwei Stunden werden, musst du ausserdem damit leben lernen, dass du nur bekommst, was das Tier bereit ist zu geben. Und damit dass deine Füsse beim Warten im kniehohen Schnee ganz langsam eiskalt werden. “Wie schön wäre es, wenn er jetzt noch den Kopf zur Seite dreht. Nur ein bisschen, mit dem Gegenlicht vor dem Schnee, das wäre toll”, sind Gedanken, die dich dabei begleiten. Aber ein Steinbock ist kein Model, macht was er will und du musst bereit sein.
So trainierst du hier auf dem Berg, neben dem Umgang mit der Kamera selbst, auch deinen Körper. Neben der Kälte und Höhenmetern begleitet dich nämlich auch schweres Equipment. Dabei trainierst du nicht nur Geduld, Spontanität, die Freude an kleinen Erfolgen und den Sehsinn, sondern lernst auch die Natur und ihre Bewohner:innen mit anderen Augen sehen.
Und du verliebst dich vielleicht noch ein bisschen mehr in den Planeten abseits der grossen, lauten und doch immer gleichen Städte.
Levi im Schnee.