Der Ernst des Lebens

Gelb-weiss gestreift, dunkelgrün oder hell lasiert: Ich liebe Tassen. Ich weiss nicht warum, aber wenn ich mir morgens meinen Kaffee mache, während jede noch so kleine Handlung fast automatisch abläuft, passiert eines ganz bewusst: Die Tassenwahl. Wie fühle ich mich heute? Wie starte ich in den Tag? Die Tassenwahl spiegelt dabei nicht nur meine Stimmung kurz nach dem Aufstehen, sie gibt mir auch die Möglichkeit, in einer Welt, in der aktuell nichts sicher scheint, in der die Themen oft gross und viel zu schwer sind, mich für einen kurzen Moment auf die Kleinigkeiten zu konzentrieren und mit einer kleinen Freude in den Tag zu starten.

Denn es passiert häufiger, während ich mir zum Beispiel Gedanken mache, worüber ich als nächstes schreiben möchte, dass ich bei den grossen Themen unserer Welt hängen bleibe. Denn sind wir ehrlich: Ein Blick in die Nachrichtensendungen oder in die Zeitung, online oder offline, reicht um zu sehen, dass unser Planet mit Problemen konfrontiert ist. Und es sind grosse Probleme, immer grössere Probleme: Kriege, die in gefühlt greifbarer Nähe stattfinden, Fast Fashion, die täglich tonnenweise um die Welt geflogen und geschifft wird und ein Klima, das uns herausfordert. Und als lösungsorientiert denkende Frau mache ich diese Probleme schnell zu meinen Problemen. Doch ich kann sie nicht lösen und fühle mich deshalb nicht danach, darüber zu schreiben. Und das regt mich auf. 

Und so schiebe ich diese Probleme oft lieber bei Seite und ignoriere die Nachrichten, mit einem schlechten Gewissen natürlich. Und mit etwas Nostalgie. Denn ich bin eigentlich mit Nachrichten aufgewachsen: Bei uns zu Hause lief früher jeden Abend die Tagesschau, wir erhielten die Süddeutsche Zeitung im Abo und am Sonntag lief um 12.00 Uhr der Presse Club. Daraufhin folgten heilige 45 Minuten Ruhe, die Aufmerksamkeit galt der politischen Diskussion. Ich war in einem Alter, in dem ich inhaltlich nicht viel verstand. Für mich standen andere Details im Fokus: Ich konnte das Intro der Tagesschau mitsprechen, sobald die Zeit 20.00 Uhr anzeigte, und das Intro des “Hamburg Journals” beschert mir noch heute ein Gefühl von Heimat. Dadurch habe ich aber auch früh gelernt: Nachrichten sind wichtig. Es ist wichtig zu wissen, was warum in der Welt passiert und dass es dazu unterschiedliche Sichtweisen gibt. Doch zehn Jahre später schaue ich nur noch selten tagesaktuelle Nachrichten, sie wiegen zu schwer.

Als sich Nachrichten noch leichter anfühlten: Das Intro des Hamburg Journals habe ich mitgesummt.

Ich finde stattdessen Freude an der leuchtenden Kaffeetasse in meiner Hand, denke an die Freude über ein gelungenes Polaroidfoto und geniesse die Sonnenstrahlen, die nach dem langen Winter endlich wieder wohlig warm sind. Auch eine Zimtschnecke lässt die grossen Herausforderungen der Welt für einen kurzen Moment vergessen gehen. Ob das ignorant ist, frag ich mich dabei öfter, eigentlich jedes Mal. Dabei erkenne ich die Probleme unserer Gesellschaft und informiere mich. Ich sehe aber auch, dass mir die ständige Berichterstattung darüber nicht gut tut. Und so weiss ich auch heute noch: Nachrichten sind wichtig. Es ist wichtig zu wissen, was warum in der Welt passiert und dass es dazu unterschiedliche Sichtweisen gibt. Doch wann und wie ich mich damit beschäftige hat sich geändert.

Ich schaue lieber eine Dokumentation über ein Thema, tauche so in die unterschiedliche Realitäten ein: Wie fair ist “Fairtrade” wirklich oder was passiert, bis die Wurst im Supermarkt liegt? Auch Wochenzeitungen, die mir das Wichtigste zusammenfassen, längere Podcasts, Bücher und die Gespräche mit anderen empfinde ich als wertvoller, als die Newsticker mit ihren Push-Benachrichtigungen, die mich aus allem reissen, was ich gerade mache, und mir minutengenau sagen, wo gerade das nächste Unglück passiert ist.

Und so blicke ich auf meine weiss-gelbe Tasse, greife zu meinem neuen Buch “Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte” und erkenne, dass vielleicht auch das ein Grund ist, warum ich am liebsten über die schönen Dinge und die kleinen individuellen Herausforderungen unseres Lebens schreibe.


Ein Buchtipp zum Thema

Das Thema, wie ich es mir erlauben kann, bei den grossen Weltproblemen, meinen Alltag mit einer gewissen Fröhlich- bzw. Heiterkeit zu erleben, beschäftigt mich schon lange. Letzte Woche habe ich dann in der Buchhandlung festgestellt, dass ich mir die Gedanken nicht allein mache. Ein Buch des Schriftstellers und Kolumnisten Axel Hacke hat meine Aufmerksamkeit mit einem langen, aber treffenden, Titel gewinnen können. Und ich gebe zu, ich habe noch nicht alle Seiten des Buches gelesen, erst 26 um genau zu sein, aber ich freue mich schon auf die kommenden und bin gespannt, was ich daraus mitnehme.

Axel Hacke:

“Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte”


Zwei Zitate, die ich mir schon auf den ersten 26 Seiten markiert habe:

“Gab es, so betrachtet, überhaupt je eine Zeit, in der Heiterkeit am Platze war? Waren die Jahre nicht immer viel zu übel?”

“Dieser Krieg höre nicht auf, wenn wir aufhörten, uns zu freuen an unseren Kindern, an einem guten Essen, an Kunst. Den Menschen in der Ukraine und den Flüchtenden gehe es nicht besser, wenn wir den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen hätten wegen unserer Ohnmacht.”

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